Lernen. Verstehen. Verdrehen.
- Ivory B. Blue

- 21. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
„Fortschritt“ im Klassenzimmer: Endlich! Es ist vollbracht. Nach jahrzehntelangem heldenhaftem Widerstand gegen die Zumutungen komplizierter Sätze haben die Berliner Philologen nun auch die letzten Bastionen geräumt: An den Gymnasien der Hauptstadt wird Schiller und Goethe künftig in einfacher Sprache gelesen. Die Umstellung erfolgt – wie könnte es anders sein – „aus Gründen der Inklusion und der Lesekompetenzförderung“. Manche sehen darin vielleicht so etwas wie einen „mutigen Schritt in die Zukunft“, oder von „Chancengleichheit mit niedrigerer Einstiegshürde“. Mut verliert so zunehmend meine Wertschätzung - das ist, was mich daran vielleicht am meisten erschüttert. Aber vielleicht ist das ja nur eine unbegründete Vermutung und sämtliche Pädagogenverbände und Literaturschützer haben bereits Protest angemeldet.

Wie darf man sich das nun vorstellen? Nehmen wir den berühmten Anfang des Egmont: Original: „Trommeln, Pfeifen! – Die Straße füllt sich mit Lärm.“ Aktuelle Lektüre-Fassung (vom Verlag „Klartext für Brandenburg & Berlin“ - ein Weimer Original): „Es ist laut auf der Straße. Viele Leute trommeln und pfeifen.“ Die Reduktion des Wortschatzes und der Satzlänge entspricht exakt den Vorgaben des aktuellen Bildungsplans: maximal 8 Wörter (das sind aus Buchstaben zusammengesetzte Konstruktionen, um zu sagen, was gemeint sein soll) pro Satz, keine Partizipialkonstruktionen, Verzicht auf Genitiv, Konjunktiv II nur noch in Ausnahmefällen und auch dann mit Zusatzerklärung in Klammern („würde = Konjunktiv, heißt: ist eigentlich nicht so, aber man denkt es sich“). Besonders fortschrittlich: In manchen Kursen wird parallel zur einfachen Fassung auch gleich die Hörbuch-Version mit besonders langsamer Vorlesestimme und häufigen Atempausen angeboten – für Schüle*riehnas mit „auditiver Verarbeitungsverlangsamung“, wie es im neuen Amtsdeutsch heißt. Die Lehrerschaft zeigt sich gespalten. Während die einen von „sprachlicher Entlastung“ sprechen, raunen andere hinter vorgehaltener Hand: „Wenn wir jetzt schon bei Egmont die Wörter zählen müssen, wie soll das erst beim Hyperion oder beim West-östlichen Divan werden? PowerPoint-Folien mit Smileys?“ Man munkelt, die nächste große Reform bereits in der Schublade: „Faust – komplett in Emojis und Kurzsätzen für TikTok-Natives“ Projektname: „Faust 2 Go – 90 Sekunden bis Gretchen“. Die Berliner Bildungspolitik beweist einmal mehr ihren berühmten Leitsatz: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann machen wir den Propheten halt kleiner. Viel kleiner. Fortschritt heißt schließlich nicht, dass man etwas erreicht. Fortschritt heißt, dass man die Ansprüche so lange senkt, bis man meint, etwas erreicht zu haben. Bestimmt sind die Schüler darüber jetzt „mega happy“.
Im polnischen Salzbergwerk Wieliczka findet man Goethe aus - wer konnte es ahnen - Salz. Bin dankbar, darum zu wissen und kann nur empfehlen, ihm dort in 130 Meter unter der Erde einen Besuch abzustatten. Das von mir geschätzte Tyskie entwickelt dort unten nochmal ganz andere Aromen - schmeckt dort richtig geil - sollte das heißen.





Kommentare