Dem Theater sei Dank
- Ivory B. Blue

- 23. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Ich habe dem Thalia Theater, dem Kulturstaatsminister, den Fakeschauspielern, dem Fakeregisseur, den Fakerichtern (ja, wenn ein Jurist - Richter oder Anwalt in einer Robe auf der Theaterbühne spricht, tut er das mit - aber nicht aus seiner Profession heraus), den Fakeanklägern, den Fakeverteidigern, dem Publikum (was macht eigentlich das Wesen eines „echten“ Publikums aus?) zu danken.
Das möchte ich hiermit tun. Danke, ohne euch hätte das Buch Gaslighting für Dummies ein erhebliches Kapitel weniger und ich wäre um eine große Lektion über das niederträchtige Verhalten von schwachen Verlierern ärmer.
Ihr habt mich reich gemacht an Gewissheit. Ja, die blanke Lüge, die offene Tatsachenverdrehung, die Beleidigung sind Mittel, der Wahl von einer Seite, die wenig höher hält, als ihr eigenes Ansehen, als das des Guten, Unseredemokratie™️ Verteidigers - erscheinen zu lassen.
Projektion und Wahn verschmelzen auf faszinierender Weise auf der Bühne ineinander - das hätte von Shakespeare stammen können, aber wer liest diese eingestaubten Texte noch? Einfache Sprache ersetzt literarische Bildung, gesellschaftlich bedeutende Konflikte als Schmierentheater aufgeführt ersetzen den Glanz einer gelungenen Inszenierung und die Richter Kutte aus dem Kostümfundus ersetzt juristische Klärung politischer Prozesse.
Danke für diesen aufklärenden Akt. Performativer und geistig flacher wäre eine Darstellung der Auseinandersetzung mit dem Thema kaum möglich gewesen. Das ist bei dem Aufwand, den Kosten und Mühen, die damit einhergingen beachtlich. Wenn Milo Rau nicht der wäre, der er ist, wäre er leicht zu trösten: „hey, du hast es wenigstens mit allen Mitteln versucht, aber du bist halt leider kein Theaterfachmann".
Man könnte es auch als unfreiwillige Dokumentation des postdemokratischen Bewußtseinszustands bezeichnen. Ich kann der Demokratie (wie Sokrates - um mir in dieser Ecke ein Handtuch zurecht zulegen) wenig abgewinnen, aber im derzeitigen Zustand der Unsererdemokratie zu leben, ist eine nicht zu verachtende Herausforderung.
Aber vielleicht unterschätze ich die Akteure und Macher und nichts davon war unfreiwillig. Man beachte nur den Titel „Prozess gegen Deutschland“ - ein Name von beachtlich programmatischer Klarheit. Wer von Unfreiwilligkeit ausgeht, wählt immer noch die CDU und glaubt an den Klapperstorch.
Damit stellt diese Veranstaltung eine Demütigung von so „hohem Niveau“ dar, dass sich neben abstoßenden, belustigenden Reaktionen auch die Frage, nach der Ende dieser Bewegung auftut. Quo Vadis, Werte Mitmenschen?
Zuletzt: wie darf man sich den konzeptionellen Prozess vorstellen?
•komm, wir als die Guten, die demokratischen Kulturschaffenden machen ein großes Projekt für die Demokratie!
•Ja, toll, aber wie soll das gehen?
•Wir verhandeln heute die Abschaffung unseres politischen Gegners auf der Bühne, um Morgen…
•Perfekt!
•Aber mit welchen Mitteln machen wir das?
•Mit allen - wir sind doch die Guten!!
•Ja, das ist schon klar, aber mit welchen finanziellen Mitteln?
•…
Die Angeklagte war trotz Abwesenheit (war sie tatsächlich nicht eingeladen worden?) von gespenstiger Dauerpräsenz zu spüren. Auch eine Art den Gegner zu kostümieren.
Mit Weimer als Kulturstaatsminister im Hintergrund ein echter (mächtiger) Ankläger, mit der AFD eine echte Angeklagte (ohne Verbrechen) und dazwischen echte Puppen aus Fleisch und Blut, die keinen Gedanken beim Reden verfassen, sondern aufs Stichwort buhen. Auch auf tragische und tapfere Helden wird nicht verzichtet: @achseostwest, Martenstein und @JoanaCotar zum Beispiel, denen Wahrhaftigkeit beim Sprechen anzuhören und ihren Worten durch die Beweislage zu trauen ist.
Echtes oder unechtes Ensemble hin oder her, am Ende stand das erwartbare Urteil:
Verbotsprüfung ja, Staatsknete nein.
Ein Tribunal, das sich selbst applaudierte – und dabei nicht einmal bemerkte, wie sehr es Stalins Gerichten ähnelt.
Applaus ist…eine der vielen möglichen Publikumsreaktionen. Da sind noch andere:
Richten wir den Blick auf das Proscenium einer anderen deutschen Großstadt. Wir schauen nach Bochum.
Ja, wer kann es dem Publikum im Jahr 2026 in Deutschland verübeln, zwischen Realität und Inszenierung nicht unterscheiden zu können?
Wahrscheinlich hat das Klima zu wenig Monologe bekommen und die Nachhaltigkeitsvereinbarungen und Lieferkettenrückverfolgungsauflagen wurden missachtet. Die Tampons auf der Herrentoilette waren vergriffen und eine Überrepräsentanz alter weißer Männer hat die Stimmung an diesem Abend angepeitscht. Schließlich ist es zu dem gekommen, wozu es kommen musste: man kann das als Psychose bezeichnen. Es ziemt sich allerdings nicht, Ferndiagnosen zu stellen, daher die vorsichtige Formulierung (nur um sicher zu gehen, keine Fühlis zu verletzen).
Nach Zwischenrufen, werfen mit Gegenständen, schließlich der gewaltsame Versuch, den Schauspieler von der Bühne zu bringen.
Als Inspizientin und Abendspielleiterin habe ich schon wegen geringerer Störung Besucher aus dem Publikum genommen - das waren wohl „andere Zeiten“ - obgleich das kaum 20 Jahre (!) her ist.
Die gebildete Schicht erhebt hier wie in Hamburg unter Applaus den Wahn zur Tugend. Was für ein Kunststück! Das macht sie - so viel Transparenz muss sein - für sich selbst. Für ihren Selbsterhalt. Das kunst- und akademieferne Personal der ‚BRD GmbH‘ entrichtet unter Zwang einen beachtlichen Teil seiner hart verdienten Taler für diese Zwecke. Das sind die Tatsachen zur Causa, aber das Reich der damit aufkommenden Fragen ist wesentlich bunter:
Sind Zuschauende*innen, die Faschistendarstellende von der Bühne zerren wollen, nicht eher als deutsche ICE Agenten*innen zu bezeichnen?
Sind Zuschauende*innen, die Faschistendarstellende nicht von der Bühne zerren wollen, Nazis?
Sind Schauspielende*innen, die Faschisten überzeugend darstellen tatsächlich Faschisten?
Ist das Konzept progressiver Katharsis ausbaufähig auf andere Formen der Kunst? Wo fängt moralische Mobilmachung an und wo hört Kunst auf?
In Hamburg simuliert man den Prozeß, um das Verbot vorzubereiten; in Bochum greift man zum Lynchmob, wenn die Simulation zu realistisch wird. Beides ist Ausdruck derselben „Denkweise“: Man toleriert nur, was dem eigenen Weltbild inhaltlich, visuell und sprachlich entspricht, alles andere muss physisch entfernt werden.
Danke für diese Einsicht, die ich mir nie hätte wünschen können, weil ich vom Theater als einzigartiger Kunstform überzeugt bin. Hier konnte man mehr als einmal genug sehen - Kunst besteht und auch Theater, aber das beides zur selben Zeit und am gleichen Ort stattfindet, ist so schön, selten und vergänglich wie der Anblick einer Sternschnuppe.




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